Geschrieben von jof am 17. November 2006 10:09:16:
Als Antwort auf: Re: Probleme mit der Versicherung!? geschrieben von CS_280 SE 3,5 Coupé am 17. November 2006 08:03:28:
Ein sehr guter Freund von mir ist selbständiger Kfz-Gutachter. Er hat selbst einige Oldies, und hatte vor langer Zeit auch mal einen W108.
Von ihm weiß ich, wie hart umkämpft der Markt ist, wie Versicherungen an die Sache herangehen, und welch gute Auftraggeber Versicherungen sein können.
Das grundsätzliche Problem ist immer, daß die Versicherung aus nachvollziehbaren Gründen "so wenig wie möglich" bezahlen möchte, Du als Geschädigter aber "so viel wie möglich" haben möchtest.
Eine Schätzung läßt immer Spielraum nach oben und nach unten. Ein Versicherungsgutachter wird diesen Spielraum (verständlicherweise) nach unten ausnutzen. Von dem von Dir beauftragten Gutachter erwartest Du das Gegenteil.
Würde "Dein" Gutachter z.B. noch niedriger als die Versicherung schätzen (auch das ist ja möglich) würdest Du sagen "was ist das denn für ein Vollidiot, und den soll ich auch noch bezahlen?"
Würde der "Versicherungsgutachter" höher schätzen als Dein Gutachter würde die Versicherung sagen "was ist denn das..." und der Mann bekäme keinen Auftrag mehr (von der Versicherung).
Leider ist die Zahl der (selbständigen) Gutachter sehr hoch, und jeder Gutachter muß versuchen, neben der Laufkundschaft (die alle 5 Jahre einen Unfall hat) "sichere" Auftraggeber wie Werkstätten oder Versicherungen zu gewinnen. Und wessen Brot ich eß'...
Mein guter Freund sitzt manchmal tagelang im Büro und hat keinen einzigen (!) Auftrag, und ist froh, wenn endlich das Telefon klingelt und er irgendwo hinfahren kann.
Zurück zum Thema: die Versicherung kennt diese Situation genau, d.h. sie weiß genau daß der Versicherungsgutachter "recht niedrig" und der von Dir beauftragte Gutachter "recht hoch" geschätzt hat. Die Versicherung versucht nun durch Verzögerung, Ausreden ("da fehlt noch ein Aktenzeichen" - "der Herr Müller hat den Unfallbericht noch nicht zugeschickt" - "der Sachbearbeiter ist in Urlaub") und anderes Taktieren Dich "mürbe" zu machen, d.h. sie hofft, daß Dir die Puste ausgeht (weil Du ja erstmal in Vorlage treten mußt, z.B. für Deinen Gutachter oder für die Reparatur des Wagens).
Und irgendwann kommt dann der "Kompromißvorschlag" Dir z.B. 10...20% mehr Geld zuzugestehen als der Versicherungsgutachter geschätzt hat. Und Du lenkst ein, um die Sache endlich vom Tisch zu haben.
Auf der anderen Seite weiß die Versicherung auch, wie teuer die Angelegenheit kommt, wenn Du einen guten Anwalt hast, der sich nicht davor scheut, von der Versicherung alles zu fordern was Dir zusteht (Mietwagen, Nutzungsausfall, usw.)
Auch bei einem Prozeß kann die Versicherung nur draufzahlen, d.h. das wird sie vermeiden wollen.
Nochmals mein Fazit: wenn Dein Anwalt genügend Druck aufbaut, dann hast Du auch in absehbarer Zeit Dein Geld.
Wenn Du Pech hast, und es die Versicherung auf einen Prozeß ankommen läßt, dauert es lange. Trotzdem würde ich in diesem Fall die Anwalt-Methode vorziehen.
Gruß jof